Kunstgeschichte - Blog

Rundgang zwischen antiker Serienproduktion und bezaubernden Einzelstücken

Aug 6, 15 • Grenzgänge, MuseumNo CommentsRead More »

Zur Vorbereitung der “Langen Nacht der Museen Berlin” boten Kulturprojekte Berlin GmbH und Livekritik.de eine Depotführung in der Antikensammlung Berlin an. Depots sind im Allgemeinen der Öffentlichkeit nicht zugänglich und erwecken schon dadurch eine gesteigerte Neugier. In freudiger Erwartung Dinge zu sehen und Neues zu erfahren, machte ich mich auf den Weg.


Depotführung Antikensammlung: Martin Maischberger

Depotführung Antikensammlung:
Martin Maischberger

Depotansicht - Antikensammlung 2015

Depotansicht – Antikensammlung 2015
Geschwister-Scholl-Straße

Treffpunkt war das Archäologische Zentrum in der Geschwister-Scholl-Straße. Dr. Martin Maischberger, kommisar. stellvertretender Direktor, begleitete die Besucher durch das „neue“ Depot (eingeweiht 2012). Wir betraten helle, wie es schien, fast staubfreie Räume. Der gesamte Platz war annähernd vollständig durch Regale und Artefakte besetzt. Lücken in den Regalen wären Zeugnisse der regen Leihtätigkeit des Museums. Täglich kämen viele Anfragen, die, so Maischberger, nicht alle bearbeitet werden könnten. Gründe dafür seien personelle Engpässe, da nicht nur die Verwaltung bei diesem Vorgang bedacht werden müsse, sondern auch der Transport. Es sei aus versicherungstechnischen Gründen Vorschrift immer Fachpersonal mitzuschicken.
Die 350 Jahre alte Sammlung umfasse ca. 100.000 Objekte, aber eine genaue Anzahl kenne man nicht. Davon seien 2.800 Skulpturen, die sich hier im Archäologischen Zentrum befänden. Insgesamt gäbe es 3 Depots: im Pergamonmuseum (Architektur), Alten Museum (Kleinkunst – Vasen, Gläser, Bronzen) und im Archäologischen Zentrum (Skulpturen).
Antike Köpfe - Depot der Antikensammlung

Antike Köpfe – Depot der Antikensammlung

Man könne und wolle nicht alles ausstellen, was die Sammlung beherberge. Um einer Überfrachtung der Räume oder Überforderung der Besucher entgegen zu wirken, entschied man sich eher weniger als mehr zu zeigen, d.h. gezielt Objekte in thematischen Zusammenhängen zu präsentieren.
Aufgrund der Sammlungsgeschichte seien die Artefakte, im Sinne der Provinienzforschung, zu 99% problemlos. Diese Objekte kämen weder aus „illegal“ durchgeführten Grabungen noch aus dubiosen Ankäufen. Natürlich gäbe es Einzelfälle, zum Beispiel um 1900 nach Berlin verbrachte Objekte. Sie bedürfen noch einer genauen Klärung.
Beim Erörtern des Marktwertes der Objekte kam das Kriterium des Unikates zur Sprache. Größtenteils seien die Objekte „Massenware“, also Serienproduktionen. Das ältestes Artefakt stamme aus dem 6. Jh.v.Ch.. Hauptsächlich sei die römische Kaiserzeit vertreten. Die Römer liebten es, Kopien der griechischen Skulpturen anfertigen zu lassen und stellten diese in ihre Gärten, welche als heilige Haine gestaltet sein konnten.
Kopf eines Afrikaners, 2 Jh. n. Ch., dunkler Marmor.

Kopf eines Afrikaners, ca. 2 Jh. n. Ch., dunkler Marmor.

Der Kopf eines Afrikaners, so Herr Dr. Martin Maischberger weiter, sei in mehrerer Hinsicht ein besonderes Objekt dieser Sammlung und zwar im Hinblick auf das verwendete Material, das gewählte Sujet und die Sammlungsgeschichte. Grundsätzlich fand Marmor unterschiedlichster Farbe (schwarz, weiß, rot gelb) Verwendung. Nur der helle Marmor, fast vollständig bemalt, war am beliebtesten. Steinansichtigkeit kam eher selten vor. Die Ausstellung „Bunte Götter“ (2010) zeigte, wie die Statuen mit ihrer ursprünglichen Bemalung ausgesehen haben.
Der Kopf hingegen, durch seine Materialwahl schon farbig gestaltet, stellt wahrscheinlich einen Sklaven dar, ein eher ungewöhnliches Sujet. Sklaven besaßen juristisch den Status eines Gegenstandes und wurden in den meisten Fällen als Kind bezeichnet, was Inschriften auf Vasen bezeugen. Seltener erhielten sie ethnologische Namen wie Thraker (ein Volksstamm indogermanischen Ursprungs). Der Sockel besitze sammlungsgeschichtliche Bedeutung. Dieser wurde, bei einer Präsentation um 1900 angebracht und diene zur Erforschung früherer Herangehens- und Denkweisen sowie Vorurteilen gegenüber Gegenständen des Faches.
Apropos Forschung, man digitalisiere und erfasse alle Artefakte in einer Datenbank, die die kunsthistorischen, ethnographischen und archäologischen Bedürfnisse erfülle. Auch gäbe es eine über das Internet abrufbare Datensammlung
Antikensammlung Depot 2015 - Sarkophage und weiteres

Antikensammlung Depot 2015 – Sarkophage und weiteres

Im zweiten Raum standen Sarkophage, lagen Mosaikplatten und Reliefarbeiten in den Regalen; sogenannte Flachware (nicht zu verwechseln mit der Malerei, die heute oft so bezeichnet wird). Eine Palette, die sich im Raum befand, erregte unsere Aufmerksamkeit. Auf ihr waren Teile des Pergamonaltars, die aufgrund des Museumsumbaus „auf Reisen“ gehen können. Gerade aus London zurückgekehrt, werden sie nächstes Jahr nach New York verschickt.
Etruskische Urnen und andere Sarkophage - Depot Antikensammlung 2015

Etruskische Urnen und andere Sarkophage – Depot Antikensammlung 2015

Im Depotbereich der Sarkophage befanden sich etruskische Urnen. Die Etrusker – Ureinwohner Italiens – verwendeten statt Marmor Vulkan-, Tuffgestein oder Ton. Auf dem Deckel einer dieser Urnen lag ein Mann bzw. eine Frau. Aufgestützt (halb sitzend, halb liegend) aß man zu dieser Zeit erlesene Speisen. Ebenfalls Massenware – erkennbar an den schematischen Physiognomien, die durchaus individuelle Merkmale, wie zum Beispiel Alter, zeigen konnten.
Weiter ging es mit den Mosaiken. Diese seien zwischen Skulptur und Architektur zu verorten, weshalb sie in diesem Depot lagerten. Einige Artefakte findet man auch im Pergamonmuseum (Zuordnung Architektur). Der größte Teil ruhe jedoch in den Depots. Seit dem 4. Jh. v. Chr. gäbe es sie. Bestehend aus Stein verwendete man anfänglich kleine, später größere Stücke.

Fasziniert von der Fülle an Informationen (ich gebe hier nur ein Bruchteil wieder) und der freundlichen, fast intimen Atmosphäre, die nicht nur der Exklusivität des Ortes geschuldet war, verließ ich diese Veranstaltung. Herr Maischberger ermunterte durch seine aufgeschlossene Art die Besucher Fragen zu stellen. Alle Fragen, selbst die nach den Reaktionen der Museumsmitarbeiter auf den im Spiegel erschienen Artikel (Ulrike Knöfel, Der Spiegel 27/2015 S. 119f.), beantwortete er versiert. Mit dieser Führung bekamen wir einen umfassenden Einblick in die Arbeit eines Museums. Wir erinnern uns! Ein Museum hat die Aufgaben des Sammelns, Bewahrens, Forschens, Ausstellens und Vermittelns.

 

Links zu einzelnen Themen:

Artikel zur Ausgrabungsproblematik antiker Objekte – 2013
Kleiner Film zur Ausstellung “Bunte Götter” – 2010
Objektdatenbank der Antikensammlung
Artikel zum Pergamonaltar – 2015

Ulrike Knöfel: Ham wir nich, wolln wir nich, Der Spiegel 27 / 2015 S. 119-121.

 

Bilder dürfen mit freundlicher Genehmigung von Herrn Maischberger veröffentlicht werden.

Bookmark and Share

Tags: , ,

Comments are closed.