Kunstgeschichte - Blog

Die Muse(en) von Berlin

Ja, mach nur einen Plan!
Sei nur ein großes Licht!
Und mach dann noch ‘nen zweiten Plan
Gehn tun sie beide nicht. - Bertolt Brecht, Dreigroschenoper

U-Bahnhof Naturkundemuseum Berlin

U-Bahnhof Naturkundemuseum Berlin


Vier Museen bzw. Veranstaltungen, zeitlich gut aufeinander abgestimmt, da bliebe genügend Zeit sich auf die Orte einzulassen, so dachte ich jedenfalls. Soviel sei vorweggenommen: nur an einer Veranstaltung nahm ich teil, die anderen verpasste ich oder fanden nicht statt.

Projekt Kunst / Natur - Museum für Naturkunde

Projekt Kunst / Natur – Museum für Naturkunde


Das Museum für Naturkunde war meine erste Wahl. Dort angekommen, betrat ich den Saal in dem die Saurierskeletten stehen. Sie waren immer noch so beeindruckend, wie ich sie in Erinnerung hatte. Die Performance “Wie sehen Sinne aus?” entdeckte ich einige Zeit später im “Mineralien” Saal.

Performance: Wie sehen Sinne aus? Live-Zeichnen im Museum für Naturkunde Berlin

Performance: Wie sehen Sinne aus? Live-Zeichnen im Museum für Naturkunde Berlin


Sabine Scho (Autorin), an einem Tisch sitzend, lass aus der Publikation “The Origin of Senses” vor. In den Lesepausen zeichnete Andreas Töpfer (Grafiker) Kreise, Linien und Worte auf eine Folie, die ein Polylux an die Wand projizierte. Der sehr geringe Tonpegel von Frau Scho sowie die dünnen Linien der Grafiken erschwerten die sinnliche Wahrnehmung der Darbietung. Selbst als Frau Scho ein Megaphone zur Verstärkung ihrer Stimme nutzte, ging das akustische Verstehen gegen Null. Einziger Trost der mir blieb, war, dass ich die Texte in der Publikation nachlesen könnte. Sabine Scho’s Auseinandersetzung mit den Sinnen und der Sinnlichkeit ist Teil des Projektes “Kunst/Natur – künstlerische Interventionen”, das seit dem 28.8.2015 im Museum für Naturkunde stattfindet. Sollten die technischen Mängel nicht ein absichtsvoller künstlerischer Verweis auf das Thema sein, bleibt zu hoffen, dass die Umsetzung künftiger Events qualitativ besser ausfällt.

Mori-Ôgai-Gedenkstätte Berlin

Mori-Ôgai-Gedenkstätte Berlin


Etwas ernüchtert und in freudiger Erwartung der Gespräche über Objekte im Tieranatomischen Theater verließ ich dieses Museum. Da die Orte nah beieinanderliegen, ging ich zu Fuß nicht beachtend, dass Berlin eine einzige Baustelle ist. So lernte ich das Gelände der Charité und das Gefühl, sich in Berlin verlaufen zu können, genauer kennen. Auf meinem Spaziergang kam ich an der Mori-Ôgai-Gedenkstätte vorbei; noch etwas Zeit habend, erklomm ich die Treppe, um mich dort kurz umzusehen. Sie “widmet sich dem Andenken und der Erforschung von Leben und Werk Mori Ôgias sowie ‘seiner Zeit’.” (Zitat Faltblatt der Gedenkstätte) In einem Raum hörte ich die anmutigen Klänge des Shamisen-Konzerts, im anderen sah ich dem Fadenspiel aus Japan – Ayatori – zu und beschloss, diesen Ort mit mehr Ruhe ein weiteres Mal zu besuchen. Also weiter im Plan: das Tieranatomische Theater.

Museum - Tieranatomisches Theater Berlin

Tieranatomisches Theater Berlin


Von der Luisenstraße aus betrat ich das Gelände des Campus Nord der Humboldt-Universität Berlins: Dunkelheit umfing mich; ein spärlich mit Lampen beleuchteter Platz/Park; der gelblich schimmernde Mond hing schwer über den Bäumen. Das Tieranatomischen Theater, erbaut 1789/90 von Carl Gotthard Langhans, bildete die einzige Lichtinsel. Der Anblick liess mich an eine Theaterkulisse denken. Oder doch eher an einen Film, in dem Werwölfe die Protagonisten waren?
Im Gebäude angekommen, informierte mich das Servicepersonal, dass die Gespräche in Führungen gewandelt wurden und in 5 Minuten könne ich an einer teilnehmen. Ich lehnte dankend ab.
7 KünstlerInnen aus  Großbritannien und Deutschland setzen sich in der “On the Edge. Artists in Dialogue with Humboldt University Collections” betitelten Präsentation mit den wissenschaftlichen Sammlungen der Humboldt-Universität, insgesamt 45, auseinander. Nicole Schuck dialogisiert beispielsweise mit dem Lehrmodell einer Falte nach Cloos, aus der Goemorphologischen und Geologischen Sammlung, sowie einer Portolankarte von Gabriel de Valsqua, von 1900. Und Agnes Meyer-Brandis schöpfte unter anderem aus dem Fundus der Sammlung Marine Invertebraten sowie der Sammlung Neuropterida, Orthopteroidea, Sphecidae um die “Forschungsstations-Installation zur Erkundung von Züchtungen, botanischen Spezies im Weltraum, Pflanzenmigration, Pflanzenmissionen und Moos Monitoring” (Zitat Ausstellungskatalog S. 14) zu entwickeln. Ich verlor mich in den Räumen und meditierte über das Gesehene im historischen Vorlesungssaal. Diese Ausstellung und das Haus sind ein Besuch wert!

Vorlesesaal Tieranatomisches Theater Berlin Foto: Cosima Santoro

Vorlesesaal Tieranatomisches Theater Berlin Foto: Cosima Santoro


Zu fortgeschrittener Stunde ging es per pedes zum Museum der Stille. Den Zeitplan hatte ich mittlerweile ad acta gelegt. “Edle Einfalt und stille Größe”, frei nach Winckelmann, von ihm auf die antiken Statuen bezogen, fiel mir an diesem Ort ein. Nikolai Makarov, Gründer dieses Museums, “vertritt die These, dass es an der Zeit sei, der bildenden Kunst eine ihrer ältesten Aufgaben zurückzugeben: den Betrachter zur Kontemplation einzuladen und mit dem geistigen Teil seiner selbst in Kontakt zu bringen.” (Zitat Informationsblatt Museum der Stille). Durch das quirlige hin und her der Besucher konnte der Eindruck der Stille nur in den hinteren Räumen, in denen Arbeiten des Museumsgründers hängen, entstehen. Im ersten Raum befanden sich Architekturmodelle zum Thema des Museums. Hier kontrastierten die hellfarbenen Modelle mit den roten Wänden.

MOCTA - Blick in den Innenhof Foto: Cosima Santoro

MOCTA – Blick in den Innenhof Foto: Cosima Santoro


Geisterstunde war nun vorüber und das MOCTA nur einen Katzensprung entfernt. Mitten in der Mitte von Berlin in einem Hinterhof eines nicht sanierten, renovierten Hauses, im zweiten Stock des Quergebäudes befindet sich das Museum of Contemporary Trashart. Der Hof war gefüllt mit illustren Menschen, die die Berliner Nacht genossen. Zum Glück war das Museum nicht überfüllt. Qualitativ stark differierende Artefakte aus wiederverwerteten Materialien bevölkerten die Räume: Baumstämme, welche zu Lampen umfunktioniert wurden oder Collagen und Installationen aus alltäglichen Gegenständen. Dinge, in unserem Umfeld ständig präsent, verändern so ihre Erscheinung und erhalten plötzlich andere Bedeutungen. Kippbilder oder besser Kippfiguren gleich können sie uns einen Wahrnehmungswechsel bescheren.

 

Fazit dieser Langen Nacht der Museen: Berlin hält sehr viele museale Schätze bereit. Um sich diesen eingehender zu widmen, ist ein Besuch außerhalb der Langen Nacht der Museen zu empfehlen. Die im Vorfeld angelegte Leitlinie sollte Freiheiten des Sichtreibenlassens beinhalten. Hashtag #LnBerlin

 

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