Kunstgeschichte - Blog

8 Millionen Urlaubsfotos – ein Interview mit dem Künstler Simon Menner

Die Ausstellung „How to Pickpocket“ der Galerie Å+, beinhaltet drei Themen mit denen sich der Künstler Simon Menner befasste bzw. befasst. Den drei Komplexen ist die reproduktive Eigenschaft gemeinsam. Ceci n’est pas une pipe zeigt Bilder, deren Ursprung Abbildungen zweier Bücher, publiziert in den 1960er-Jahren von dem US Militär, sind. Der Titel selbst bezieht sich auf eine im Querschnitt gezeigte Pfeife, die, sollte sie genutzt werden, eher Schmerz als Genuss bringen dürfte. Alle Bilder zeigen Gegenstände des Alltags, umgebaut zu tödlichen Waffen.

Direkt diesen Bildern gegenüber hängen dicht aneinandergereiht Fotografien auf denen Männer oder Frauen in der Öffentlichkeit bestohlen werden. How to Pickpocket zeigt eine Auswahl an Instruktionsbildern des Geheimdienstes StB, Polizei in der Tschechoslowakei zur Zeit des Kommunismus.

Drei Fotografien mit dicken schwarzen Balken bilden den dritten Bereich: Tourism and War and the Problem of the Archive as an Institution.

Tourism and War and the Problem of the Archive as an Institution - Installationsansicht

Tourism and War and the Problem of the Archive as an Institution – Installationsansicht | Foto: C.G.Kant

 

CK: Guten Tag Simon, mich interessieren die drei Bilder mit den schwarzen Balken. Welche Region wird auf diesen Bildern gezeigt?
SM: Es ist die Region der Normandie, Bretagne. Nicht genau die Normandy beaches, sondern eine etwas größer gefasste Region. Die grobe Gegend in der direkt einmarschiert wurde.
CK: Wann genau war das?
SM: Als dieses Material gesammelt wurde, war Großbritannien allein. Amerika war in den Krieg noch nicht eingestiegen. Regionen in Europa waren für das Militär noch nicht vollständig erfasst. Dieses Material diente als Entscheidungshilfe für den Einmarsch in Europa. Das Material, welches eher in den Städten entstand, diente zur Auswahl von Weg- und Zielmarken für die Bomber. Zum Beispiel findest du die Gedächtniskirche von Berlin auf ganz vielen Bildern. Sehenswürdigkeiten, wie die Gedächtniskirche, sah man als Zielpunkte für die Bomber an, die dann auch zerstört wurden, was ein ganz perverses Ding ist. Touristen finden Orte interessant, lichten sie ab und weil sie abgelichtet wurden, können die Abbildungen genutzt werden, um die Orte zu zerstören. Ich finde, da ist ein komischer Zirkelschluss drin: Je mehr Bilder du von einer Gegend hast, desto mehr Informationen stehen dir zur Verfügung und um so mehr Informationen stecken in den Bildern, die dir nicht unbedingt bewusst sind, dass sie da drin sind. Also; ein Foto sagt oftmals noch nicht viel, aber 10 Fotos von einer Sache oder Gegend zeigen dir schon, wie sieht es da aus, wie ist es dort. Daraus entstehen dann Informationen, die weit über das Urlaubsfoto oder Reisefoto hinaus gehen.
CK: Die drei hier gezeigten Fotos sind Teil einer Sammlung, welche man für einen bestimmten Anlass zusammentrug?
SM: Der Sender BBC startete kurz nach der Invasion Frankreichs durch die Deutschen einen Aufruf. Den Aufruf selbst fand ich nie im Archiv. Im Aufruf hieß es, dass eine Ausstellung zum Thema „verlorene Landschaft in Europa“ geplant werde und Bilder von europäischen Orten eingesendet werden können. Mit „verlorene Landschaft in Europa“ war die Landschaft gemeint, welche von den Nazis besetzt war. Auftraggeber war aber nicht BBC. Der Sender plante keine Ausstellung, sondern die britische Admiralität, also das britische Militär. Das Militär benötigte Informationen über die Landstriche, welche zurückerobert werden sollten. Heute würde man es als crowd sourcing bezeichnen. Viele Leute stellen Material und damit Informationen bereit und wenn du genug davon hast, bildest du dir ein eigenes Bild. Genauso war es. Zu dieser Zeit wurde London bombardiert und Großbritannien stand mit dem Rücken an der Wand. Die Leute sendeten 8 Millionen Bilder ein. Von diesen 8 Millionen Bildern reproduzierte man ca. 800.000. Interessanterweise wurden alle 8 Millionen Bilder an die Einsender zurückgeschickt, weil sie , das Militär, keine Spuren hinterlassen wollten, welche Bilder sie behielten. Die 800.000 reproduzierten Fotos, das muss unheimlich aufwendig gewesen sein, wurden dann nach Orten kategorisiert und nach geografischen Gesichtspunkten sortiert und dann für den anvisierten Zweck genutzt. 800.000 Fotos sind wirklich sehr viel. Das dürften ca. 10.000 Kisten sein.
CK: Die Bilder sehen wie ganz normale Urlaubsfotos aus?
SM: Ja, genau.
CK: Urlaubsfotos mit im Sand spielenden Kindern, zum Beispiel?
SM: Ja, es sind Urlaubsfotos.
CK: Wie bist du auf dieses Thema aufmerksam geworden?
SM: Durch einen Nebensatz im Buch. In dem Nebensatz wurde der Aufruf der BBC bzgl. der Einsendung von Fotos erwähnt. Erst einmal musste ich herausfinden, ob das Material noch existiert und wo es sich befindet. Es hat relativ lang gedauert. Viele Leute wussten überhaupt nicht, dass das Material noch vorhanden ist. Erst hieß es, das Material befände sich nicht in London, sondern in einem Außenlager bei Cambridge. Dann bin ich für einen Tag dorthin geflogen, um herauszufinden, worum es dabei eigentlich geht. Dort befinden sich Kisten über Kisten mit Fotos von der Kanalküste und sonderbarerweise von der Schweiz. Dann findest du dort teilweise richtige Fahrten durch die Alpen. Nach jeder Kurve wurde aus dem Fenster lehnend ein Foto geschossen. Und auch der Alexanderplatz ist vertreten.
CK: Berlin ist auch in der Sammlung zu finden?
SM: Ja, ca. 10 Kisten mit Bildern von Gebäuden, die teilweise im Krieg zerstört wurden. Zum Ende des Krieges schnürte man das Material zusammen und öffnete es nicht wieder. Von Dinar, um ein Beispiel herauszugreifen, gibt es 500 bis 1000 Bilder – Urlaubsfotos. Nimmst du ein Bild davon, versteht man nichts. Ein Bild zeigt dir ein Haus oder die Küste mit spielenden Kindern. Schaust du dir jedoch das gesamte Konvolut zu diesem Ort an, bekommst du ein genaues Verständnis über den Aufbau der Bucht. Es zeigt dir, welche Häuser sich wiederholen usw.
Ist schon unheimlich faszinierend. Frustrierend dagegen ist, zu wissen, dass das Material existiert, aber von niemandem genutzt wird.
CK: Von dem eben beschriebenen Archivmaterial hängen in dieser Ausstellung drei Fotos, welche jeweils mit einem schwarzen Balken übermalt wurden.
SM: Immer der interessante Teil ist weg. Damit lassen sich die Bilder für uns nicht mehr lesen. Ich habe ein dreiviertel Jahr versucht, mit dem Archiv zusammenzukommen. Ich war dann eine Woche da und habe Bilder gescannt. Aus irgendwelchen Gründen wollte das Archiv dann nicht, dass ich dieses Projekt mache. Ich solle alle Scans vernichten und das Material nicht nutzen. Damit kommt eine andere Ebene zum Tragen. Also einerseits ist es ja Material, welches sie ergaunert hatten. Das Archiv selbst eigentlich nicht, da das britische Militär die Fotos an das Imperial War Museum gaben. Nun ist es aber so, dass das Archiv das Material als Besitz begreift, obwohl es ergaunert wurde. Den Leuten wurde gesagt, wir machen das eine und dann machen sie etwas anderes. Ich glaube, dass die meisten Leute, welche Fotos einsendeten, niemals erfahren haben, dass die Fotos für etwas ganz anderes genutzt wurden. Die Originale schickten sie ja an die Einsender zurück. Es gab nie eine Ausstellung. Damit stellt sich unter anderem die Frage: Was ist eigentlich die Rolle eines Archivs? Da scheint jemand zu sein, der sagt: Okay; das Material gehört dem Archiv. Wie kann es aber sein, dass es denen gehört? Meine Vorstellung von Archiven ist eher, da ist eine Institution, die aufpasst, dass keiner einbricht und die Sachen stiehlt und die einem den Schlüssel zur Verfügung stellt. Das heißt, es ermöglicht, dass man mit dem Material arbeiten kann, ohne dass das Archiv die Deutungshoheit behält.
Mir wurde nie ein genauer Grund genannt, weshalb ich dieses Material für mein Projekt nicht nutzen darf. Vermutlich ist es ein politischer oder eine Frage der Hierarchie innerhalb der Struktur. Ich weiß es im Endeffekt nicht. Es war für mich die frustrierendste künstlerische Erfahrung, die ich bisher hatte. Ich habe unheimlich viele Ressourcen und viel Zeit in das Projekt gesteckt. Eigentlich stand ich mit dem Gedanken Gewehr bei Fuß: Ich fahre da hin und fang dann richtig an zu scannen. Nur ging das halt nicht. Dadurch ist dieses Projekt etwas ganz anderes geworden. Ich zeige jetzt mit diesen Bildern auch, dass ich etwas nicht zeige und das ich etwas nicht zeigen kann.
Es gibt da eine Geschichte: Die Bilder sind da. Noch existieren die Bilder! Irgendwann wird das Archiv versuchen, diese zu zerstören, weil es eine Platzfrage ist. Sie nehmen Platz weg. Als ich dort hinfuhr, war ich der Erste, der sich die Kisten ansah. Davor war noch niemand dagewesen. Es gab vielleicht ein paar Kisten, die schon mal geöffnet wurden. Der Großteil dieser Kisten blieb seit dem Ende des 2. Weltkriegs ungeöffnet. Im Archiv selbst, nach dem das Material dort landete, war das Bewusstsein, dass es etwas Besonderes ist, gar nicht da. Eventuell erzeugte ich es mit meiner Anfrage.
So; und jetzt mache ich etwas als Künstler: Ich zeige, dass ich etwas nicht zeigen darf. Es ist natürlich frustrierend für den Betrachter. Ich lasse nur eine Spur des Bildes stehen. Da bleibt etwas, was ein bisschen abstrakt ist. Man sieht halt eine Reflexion, eine Landschaft. Hier kann man sich vorstellen, dass das ein Haus ist, ein Kopf oder Beine oder wie auch immer. Es bleibt offen, was es im Genauen ist. Diese Übermalung habe ich nicht nur bei diesen drei Bildern gemacht. Das ist mein Versuch ein anderes Thema aufzumachen. Irgendwie funktioniert es. Darüber reden die Besucher der Ausstellung mehr als über die anderen Projekte. Bisher habe ich die Bilder nicht in einer Ausstellung gezeigt.
CK: Gibt es für den Besucher eine textliche Hilfestellung?
SM: Es gibt einen kurzen Text, mehr nicht. Eine genaue Erklärung – wo es ist, was es ist – ist es aber nicht. Genau dies darf ich ja nicht. Mit meiner Arbeit thematisiere ich, dass es da noch etwas gibt. Das ist jetzt mein finales Projekt und eigentlich bin ich damit auch zufrieden. Die Idee, welche mich antrieb, mich mit diesem Material auseinanderzusetzen, steckt in den Bildern und auch in dem Begleittext. Ich habe mich ganz bewusst für die Balken entschieden. Ich setzte sie nicht mit Photoshop darüber sondern das ist Farbe.
CK: Das ist Farbe?
SM: Das ist Linoldruckfarbe. Da habe ich tatsächlich rüber gerollert. Ich habe mich für etwas Komplizierteres entschieden.
CK: Ist das nicht ein Akt der Aggression?
SM: Wegen mir ist es auch etwas Aggressives, andererseits aber auch etwas Vorsichtiges. Ich habe das Bild ja auch abgeklebt. Selbst wenn du den Rahmen öffnest, bekommst du das eigentliche Bild nicht zu sehen.
CK: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Christiane G. Kant

Die Ausstellung How to Pickpocket in der Galerie Å+ vom 8.03.2019 bis 6.04.2019 .

Das Projekt Tourism and War and the Problem of the Archive as an Institution in Bildern.

 

 

 

*Findest Du Rechtschreib- oder Grammatikfehler, dann sende mir eine E-Mail mit diesen. Danke!*

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